Vom Verschwinden der inneren Landkarten und was man_frau dagegen tun kann von Ariane Rüdiger, 2012

Neulich erhielt ich eine Einladung zu einer Technologie-Pressekonferenz in ein Restaurant. Als ich hinging, überfluteten mich alte Bilder und Gefühle. Denn wo sich heute die „Goldmarie“, ein Speiserestaurant, befindet, war früher die „Frauenkneipe“. An demselben großen Tischkarree, an dem ich an diesem Tag mit Anzugträgern über Technik fachsimpelte, hatte sich dreißig Jahre zuvor – in den Achtzigern – eine Zeit lang regelmäßig das Frauen-Projekttreffen versammelt, wo damals alle internen Angelegenheiten der autonomen Frauenbewegung der Stadt besprochen wurden. Im Vorderraum hatten späte Frühstücke und große Feste stattgefunden, Discos, Flirtversuche und heiße Debatten, oder frau saß einfach nur herum und las Zeitung. Meine lesbische Sozialisation, von der sich ein wichtiger Teil hier vollzogen hatte, rollte vor mir ab, war jedoch mit dem Ort von heute nicht mehr zur Deckung zu bringen.

Tatsächlich ist kaum noch ein Projekt, kaum eine Kneipe von damals am selben Ort, Vieles existiert einfach nicht mehr. Also ging ich an die alten Orte und fotografierte, was heute dort ist. Wohin ich kam, es war immer dasselbe: Die Gefühle, die Erinnerungen waren noch da oder kamen zurück, doch es fehlte jede Referenz vor Ort für das, was sich dort befunden hatte.

Dabei ist und war die autonome Frauen- und Lesbenbewegung nicht einfach nur ein Freizeitverein. Sie hat die Realität dieser Gesellschaft erheblich verändert und tut es noch. Abtreibungsrecht, annähernde rechtliche Gleichstellung unehelich geborener Kinder von Lesben und Schwulen, anderes Eherecht, gleichgeschlechtliche Partnerschaft, die offene Debatte von sexueller Gewalt und sexuellem Missbrauch – Themen, die wesentliche Impulse von autonomen Frauen- oder Lesbenbewegung empfingen – wurden an Orten wie dem Frauenprojekthaus Güllstraße (mehrere Projekte, bis auf Teile des Frauentherapiezentrums heute verteilt über die Stadt), KOFRA (Kommunikationszentrum für Frauen in der Arbeitssituation, heute an anderem Ort, aber noch existent) oder dem Frauenkulturhaus in der Richard-Strauß-Straße (verschwunden) geboren und gestaltet. Die Projekte sicherten lesbischen und lesbisch-feministischen Frauen durch Räume außerhalb der privaten vier Wände eine Lebensqualität, die sich mit der der heterosexuellen Mehrheit durchaus vergleichen lässt. Denn sie boten Räume ab, wo man außerhalb der eigenen vier Wände auch in größerem Kreis Themen diskutieren konnte, für die in konventionellen Zusammenhängen – Volkshochschulen, Parteien, Verbände (auch Frauenverbände) – kein Platz geschaffen wurde.

Dort fanden auch Auseinandersetzungen statt – etwa zwischen Lesben und Heten, zwischen offen und verdeckt lebenden Lesben, zwischen Lesben/ Frauen der Dominanzkultur und Lesben Frauen aus anderen Bereichen (schwarze Lesben, Frauen mit Migrationshintergrund etc.), zwischen christlichen und jüdischen Lesben etc. die an anderen Orten als zu „exotisch“ oder randständig empfunden worden wären, hier aber sehr wichtig waren und weit über die beteiligten Gruppen ausstrahlten. Sie gaben den beteiligten Frauen und Lesben die Möglichkeit, Identität zu pflegen oder überhaupt erst zu entwickeln, und daraus zogen sie Kraft. Nun ist es nicht so, dass es keine Projekte oder Kneipen mehr gäbe. Im Gegenteil: München hat sogar eine lesbisch-schwule Stiftung, in die die Stadt einzahlt, und jede Menge städtisch geförderter Projektlandschaft (Sub und Letra sind nur zwei davon) einschließlich einer städtischen Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Auch reine Frauenprojekte gibt es noch, zum Beispiel das Frauentherapie- und das Frauengesundheitszentrum. Doch Gender Mainstreaming und Queer, nicht autonome Frauenbewegung, heißen die Trends der Zeit. Das zeigt sich an der Ausrichtung der städtischen Politik und der Projekte. So betreibt die Stadt heute Gender Mainstreaming, auch wenn das in der Praxis oft noch immer Frauenförderung ist, weil Frauen nun mal in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind. Die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen ist auf beide Geschlechter ausgerichtet. Und beschäftigt hauptamtlich eine heterosexuelle Frau und einen schwulen Mann. Frauenkneipen und –feste sind längst offen für Schwule und Trans. Das Letra (lesbische Beratungsstelle) kooperiert immer enger mit dem schwulen Zentrum Sub. Transsexuelle werden sichtbarer, erheben ihre Stimme und werden häufiger gehört – beispielweise in einem Landtagshearing des Bayerischen Landtags 2012. Auch bisexuelle menschen melden sich lauter. Die Feindseligkeit zwischen Lesben, Schwulen und Trans verwschwindet schrittweise, endlich, auch in Deutschland. Wir sind nicht mehr in der Ecke, wir sind überall. Fehlt also nichts?

Vielleicht doch: Orte sind Anker der Erinnerung. Verschwinden sie, verlieren dort entstandene Gefühle und Bilder ihren angestammten Platz und der betroffene Mensch ein Teil seines Referenzrahmens. Der Gefahr, Ortsmarken ersatzlos zu verlieren, unterliegt nun in gewissem Umfang in unseren heutigen, durchvirtualisierten und mobilen Zeiten fast jede_r. Es macht es aber nicht besser, dass wir bestimmte kollektive oder individuelle Beiträge und die Orte, an die sie sich knüpfen, einfach vergessen. Lesben und Schwule brauchen wie andere Gruppen Orte, die ein kollektives Erinnern und ein kollektives Selbstbewusstsein fördern. Ich weiß noch genau, wie sehr mich eine Gedenktafel an einem sonst unauffälligen Haus an der Seine in Paris berührte, auf der verewigt stand, hier habe eine frühe Fraunrechtlerin gewohnt. Was ich mir wünsche, sind deshalb eigene kollektive Erinnerungsmarken für Lesben und Schwule an wichtigen, aber vergangenen Orten der Szene. Warum nicht ein Hinweis an jenem Torbogen an der Richard-Strauß-Straße 21, hinter dem sich das gern besuchte und von seinen Fans heiß geliebte Frauenkulturhaus versteckte? Dergleichen ließe sich sicher vielerorts in vielen Städten sagen.

Menschen brauchen ihre Erinnerungen und Orte, an die sie sich knüpfen. Ortlosigkeit ist ein Vorgriff auf die Existenzlosigkeit. Wer sich nicht erinnert, vergisst. Und wer vergisst, wird vergessen.

 

Dieser Artikel wurde zuerst in dem Magazin Viber, Ausgabe 21/2012, Seite 54/55 veröffentlicht. Er ist Teil der Recherche zum Projekt I m/e m/y von Richard John Jones.

Ariane Rüdiger, 1958 geboren, lebt und arbeitet seit 1984 als Journalistin und Autorin in München und ist ehrenamtlich beim forum homosexualität münchen e.V. aktiv. 2015 veröffentlichte sie dort „Splitter 12: Lesben sichtbar machen – Die Arbeit des AK Uferlos Lesbenpolitik“.